"    Soziale Arbeit heute \n  Gedanken über ihre sozialen und ideologischen Voraussetzungen \n   Bei der Erörterung des mir gestellten Themas kann man sich nach zwei Richtungen wenden, je eine von zwei möglichen Seiten der Sache betrachten. Die eine Möglichkeit wäre, in den pädagogischen Raum hineinzublicken, die andere, den Blick nach außen auf die Bedingungen dieses Raumes zu richten. Nun geht es auf dieser Tagung ja eigentlich um das Bewußtsein des Sozialarbeiters. Das Bewußtsein aber ist mindestens ebenso stark durch das \"Außen\" bestimmt, wie durch das, was er innerhalb seines Arbeitsraumes vorfindet und regeln muß. Zwischen beiden, dem Innen- und dem Außenraum, besteht ein kompliziertes Verhältnis von Bedingungen, Abhängigkeiten, Autonomien, das ich hier nicht erörtern kann. Ich will mich darauf beschränken, einiges über das  Bewußtsein  des Sozialarbeiters und seine Praxis zu sagen, soweit es sein und seiner Arbeit Verhältnis zu jenem Außenraum betrifft. \n  In diesen Äußerungen ist eine grundlegende Skepsis angedeutet, die das Bild betrifft, das sich der Zeitgenosse von sich macht. Solche Skepsis scheint nichts Neues zu sein. Sie ist, soweit sie sich auf unser Verhältnis zur Tradition, zur Vergangenheit, zum Überlieferten bezieht, seit der Kulturkritik geläufig. Allein in diesen Zitaten ist mehr gesagt: Die Grundlagen der Kulturkritik bis heute, das in ihnen vorausgesetzte und festgehaltene \"Menschliche\", das \"Humanum\", eben das pathetische Rückgrat solcher Kritik, wird hier angegriffen, in seiner Gültigkeit bezweifelt und selbst noch als Rest der traditionellen Welt verstanden. \n  Genau das ist der Ausgangspunkt dieses Referates: Die Sprache, die wir reden, ist unserer Praxis häufig nicht mehr angemessen, jedenfalls \"in allem, was ihm für das Höhere gilt\"; die Voraussetzungen, die wir im Hinblick auf den heute realen Menschen , entbehren der Entsprechung in der Wirklichkeit, denn \"die Kontinuität der Persönlichkeit wird gewahrt von den Anzügen\"; unsere Welt ist ein Nebeneinander von Heterogenem. Die Konsequenzen wären: eine Kritik unserer Theorie im Hinblick auf das heute Menschenmögliche, und eine Kritik unserer Praxis, unserer Methoden im Hinblick auf die solche Praxis leitenden Vorstellungen von Sittlichkeit, Menschlichkeit, Normalität, Gesundheit usw. Es handelt sich dabei nicht nur um ein Problem, das den Sozialarbeiter selbst, seine Theorie und Praxis betrifft, sondern ebenso um ein Problem, das überall auftaucht, wo Menschen erziehend oder helfend miteinander umgehen, wo bestimmte Vorstellungen des Richtigen und Rechten mit den praktischen Möglichkeiten zu leben, d. h. dieses Richtige und Rechte zu verwirklichen, zusammentreffen und Konflikte hervorrufen. Denn es ist nicht das Problem eines Berufes, sondern das Problem unserer Gesellschaft. \n  Ich will den theoretischen Äußerungen Beispiele aus der alltäglichen Lebenspraxis an die Seite stellen: \n    . Das Problem \n  Das hier in Frage stehende Problem ist schon ziemlich alt. Es beginnt mit der Entstehung der Sozialpädagogik und fand vor zwei Jahren wieder – jedenfalls in der Gilde – in dem Referat von Trost einen anschaulichen Ausdruck. Es beginnt nicht nur mit der Geschichte der Sozialpädagogik, sondern es ist auch sowohl für ihre wie ihre geschichtliche Gestalt strukturbestimmend. Als die ersten Anzeichen der neuen gesellschaftlichen Entwicklung sich bemerkbar machten, und innerhalb der verschiedenen sozialen Gebilde auch menschlich und pädagogisch fühlbar wurden – der kirchliche Gemeindeverband lockerte sich, die Familie schrumpfte zur Kleinfamilie zusammen, das Handwerk bot den großen Zahlen von Gesellen keine Sicherheit mehr, die befreiten Bauern, kleinen Handwerker, Tagelöhner, Dienstboten strömten in die Städte und Fabriken, die Großstädte entstanden, ein Phänomen, dem gegenüber man ratlos war, wie unsere Stadtplanung heute noch zeigt da spürte man, daß die vorhandenen sozialen und pädagogischen Einrichtungen dieser allmählich sich verändernden Lage nicht mehr gewachsen waren. Man sah: Kinder verwahrlosten, Jugendliche wurden kriminell, Dienstboten ungehorsam, Arbeiter kommunistisch, die Schulen konnten nicht mehr erziehen, die Familie konnte nicht mehr bewahren, der Zeitgeist wurde \"materialistisch\". Man fragte sich, wie das geschehen konnte und was zu tun war. \n  Die Antwort war im einzelnen freilich schwierig, man mußte experimentieren, Institutionen schaffen und verändern, ergänzen, helfen, unterstützen oder strafen, in jeder Situation neu abwägen. Im Grundsätzlichen aber war die Antwort einfach: Die Gesellschaft war korrumpiert, infolgedessen der Mensch in Gefahr; und man wußte – glaubte zu wissen wie der gesunde, normale, sittliche Mensch zu sein hatte und wie andererseits auch eine Gesellschaft zu sein hatte: ein Organismus nämlich, in dem die Teile sich wie lebendige Glieder zueinander verhielten, ohne sich zu \"entfremden\", ein Volksganzes, in dem sich ein und dieselbe soziale Struktur, die der Familie oder der christlichen Gemeinde (Corpus Christi), in allen sozialen Gebilden analog wiederholt. Von diesem Bild geordneter Sozialverhältnisse nun entfernte sich die reale Gesellschaft, dieser Entwicklung aber mußte man entgegenwirken. So, in großen Zügen, sah das Selbstverständnis der Sozialpädagogik aus. \n  Gehört das Geschilderte wirklich der vergangenen Geschichte an, oder drückt sich etwa im Begriff \"Lebenseinigung\" von Trost nicht die im Wesen gleiche Haltung aus? Statt zu fragen: neue Weise zu leben zeigt sich an den Veränderungen, wird gefragt: Welche Abweichungen zeigt diese Weise von unserer Vorstellung vom Menschen wird gefolgert: Also sind die Schwierigkeiten, die zum Gegenstand einer Sozialpädagogik oder sozialen Arbeit werden, Folgen solcher Abweichung und nicht die Folgen einer noch nicht gelungenen Einstellung auf die neue Lage. Der Sozialarbeiter versteht sich damit als einer, der im im Recht ist – die Gesellschaft ist im Unrecht. Er orientiert sich auf diese Weise an dem Gewordenen, Traditionellen, nicht aber an dem Werdenden, an dem zur Zukunft hin Offenen. In einer dynamischen Gesellschaft verhält er sich statisch, obwohl er bereit sein mag, sich im einzelnen Fall der veränderten Lage anzupassen und seine Methode auf die neue Lebenspraxis einzustellen. Man verzichtet etwa auf die Forderung, ein Jugendlicher werde unbedingt in einer Jugendgruppe vor Gefährdungen bewahrt, man anerkennt die neuen Gesellungsformen und nutzt sie methodisch, man weiß, daß das patriarchalische Leitbild unserer Lage nicht mehr angemessen ist oder daß nicht nur Dürers Handzeichnungen, sondern auch Macke und Feininger ästhetisch erziehen. Die Frage aber ist, ob solche Umstellungen im einzelnen wirklich auch eine Veränderung des Bewußtseins, eine Umstellung unserer leitenden Vorstellungen bedeutet. Handelt es sich bei den aufgezählten Einsichten nur um Konzessionen an eine neue, aber im Grunde doch unerfreuliche Situation, gleichsam um taktische Erwägungen, die die strategischen Prinzipien unbeeinflußt lassen? Jedenfalls war das Verhalten der Sozialpädagogen bis in die sozialpädagogische Bewegung hinein ganz sicher dieser Art. Die Wesenszüge der neuen Gesellschaft waren noch so wenig deutlich, daß ein radikales Verlassen der traditionellen ideologischen Voraussetzungen der Arbeit als ein utopischer Vorgriff hätte erscheinen müssen. Aber das ist heute bereits anders. Diese Wesenszüge sind uns immer klarer geworden, und man kann durchaus von einer gewissen Einheitlichkeit in der Analyse dessen sprechen, was wir die moderne Gesellschaft oder die moderne Kultur nennen. Wer, wie es noch vor 30 Jahren im Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge geschah, vom corpus mysticum des Volksganzen als dem tragenden Grund aller Wohlfahrtspflege sprechen würde, hätte wohl wenig Aussicht auf sachlich ernst zu nehmende Resonanz. Aber das ist freilich ein besonders exponierter Begriff, gegen den wir durch drastische geschichtliche Erfahrungen skeptisch geworden sind. Auch das kann nur ein Zugeständnis sein, ohne daß die mögliche Grundhaltung des Sozialarbeiters, die Gesellschaft sei auf einem gefährlichen, das eigentlich Menschliche pervertierenden Weg und unsere rational-technische Zivilisation sei im Grund inhuman, damit aufgegeben sein muß. Eine solche Haltung aber entnimmt ihre Prinzipien ja nicht der gegenwärtigen Wirklichkeit, sondern einer in der Vergangenheit gewordenen Konzeption von Mensch und Gesellschaft, freilich in der Meinung, es handele sich dabei um allgemeingültige Normen, das Menschenwürdige, das Gesunde, Intakte könne immer nur ein und dasselbe sein. Dem gegenüber – so meine ich – muß nun aber doch gefragt werden, ob die von uns als \"Zugeständnisse\" bezeichneten Einstellungen und Maßnahmen nicht untereinander einen Zusammenhang bilden, einen Zusammenhang der Praxis, der Wirklichkeit, der sich auch zu Phänomenen außerhalb der sozialen Arbeit herstellen lassen müßte, der die Soziale Arbeit auf grundsätzlich andere Voraussetzungen verweist. \n    . Anthropologische Aspekte \n  Wenn von dem gesprochen wird, was der Mensch braucht, um Mensch zu sein, von seinen Grundbedürfnissen, von den Grundverhältnissen, die er immer und überall erfahren müsse, um das Humanum in sich verwirklichen zu können, dann wird immer vorausgesetzt, daß es das \"Allgemein-Menschliche\" unabhängig von besonderen Zeiten und Räumen überhaupt gebe. Aber stimmt denn diese Gleichung ? Sie stimmt nur, wenn man das mit Menschlichkeit bezeichnete soweit formalisiert, daß es eben auf alle Zeiten und Räume paßt, wenn man allgemein von menschlichem Kontakt, von Geborgenheit, Anerkennung, Selbständigkeit spricht. Im Grunde aber war der Mensch immer ein anderer, ganz besonders in dem, was je eine Zeit für das wesentlich Menschliche hielt. Die Behauptung, das allgemeingültige Wesen des Menschen spreche sich in der oder jener Hinsicht aus, ist nichts als der Versuch, dem von einer Generation oder Epoche geforderten Menschenbild zur Durchsetzung zu verhelfen, oft sogar ein nachträglicher Versuch, Verschwindendes festzuhalten, zu retten gegen eine neue, andere Entwicklung. Eine solche Behauptung aber ist ideologisch. \n  Den organisch-einheitlichen Körper kannte Homer nicht, bei seinen Helden \"bewegen sich die hurtigen Glieder\" ; der Körper ist keine Einheit, sondern eine Vielheit. Begriffe wie unser \"Gemüt\" und \"Innerlichkeit\" hätte der Barockdichter Opitz überhaupt nicht verstanden. Es ist zweifelhaft, ob der leibeigene Bauer des 15. Jahrhunderts so etwas wie eheliche Liebe gekannt hat. Der christliche Glaube galt als eine Bedingung, ohne die man im Vollsinne des Wortes nicht Mensch sein konnte. Den Webern um 1800 erschien es unmenschlich, mehr zu arbeiten, als zur unmittelbaren Befriedigung der Bedürfnisse des Augenblicks notwendig war. Und daß – um einen Menschen zu erziehen, zu bilden – dessen Selbsttätigkeit unerläßlich sein, daß er Erfahrungen machen müsse im eigenen Handeln, das gibt es erst seit Herder und Pestalozzi. \n  Was der Mensch wirklich ist und sein soll, wird jeweils neu und anders bestimmt. Und jene verräterischen und heute so geläufigen Attribute wie \"echt\" oder \"eigentlich\" bezeichnen nur die Verlegenheit, in der wir uns  befinden,  und die Musil mit Recht das \"Prinzip des unzureichenden Grundes\" genannt hat. Eine gewisse und vielleicht berechtigte Scheu, die Überlieferung zu verlassen und das Neue präzise und konkret zu bestimmen, läßt uns stattdessen vom \"echt Menschlichen\" reden, in der uns selbst täuschenden Meinung, es sei damit die Rede von irgendetwas Wirklichem. \"Der sogenannte echte Mensch … ist die Leerstelle für die Erfüllung des Traums der\" ( 264 )  \n  Wenn also in der sozialen Arbeit die Rede von Grundbedürfnissen ist, müssen wir uns fragen, welchen konkreten Ausdruck denn die Bedürfnisse und ihre Befriedigung finden sollen; erst dann wird sich zeigen, ob hinter solchen Begriffen ideologische Vorstellungen stehen und welche Wirklichkeit mit ihnen gemeint ist. Denn für solche Bestimmung bedarf es noch anderer Wirklichkeiten, die gleichfalls als besondere, für sich bestehende erscheinen; in ihnen zusammen und in ihrer Beziehung ist allein der Begriff realisiert. \"Das Einzelne für sich entspricht seinem Begriffe nicht\" ( § 213 )  \n  Ruth Bang nennt unter den unerläßlichen und immer gültigen Grundbedürfnissen des Menschen die Anerkennung. Man kann sich sicher sehr schnell einigen, ohne zu merken, wie verschiedenartig und u. U. sogar widersprechend die Vorstellungen sind, die man dabei hat. Das, was ich anerkenne, ist doch nicht das Kind an sich und unmittelbar, sondern immer nur das Kind in einer bestimmten Äußerung, in einem Verhalten, einer Leistung. Das Entscheidende ist doch nur, durch das Medium welcher Äußerung sich das Kind erfährt und welcher Zusammenhang schließlich in den vielen Anerkennungsakten und den Akzenten, die in ihnen gesetzt werden, sich herstellt. Erst dann wird ein solcher Begriff konkret. Und es ist dann auch entscheidend, ob ich Ausdrücke von Gehorsam und Einordnung oder von Selbständigkeit und Emanzipation, emotionales oder rationales, impulsives oder distanziertes Verhalten, besonders durch Anerkennung honoriere; oder: was nenne ich überhaupt Gehorsam oder Selbständigkeit, was nenne ich einen Fehler, den das Kind als solchen zu spüren bekommt, auch wenn ich ihn dulde? \n  An diesen Hinweisen ist – so hoffe ich – deutlich geworden, daß die bestimmten Vorstellungen, die wir von dem \"normalen\" Menschen haben, wenn man will, die \"Ideologie eines Menschenbildes\", bis in die sogenannten \"Grundbedürfnisse\" hinabreicht, von denen man meint, sie lägen nun wirklich jenseits alles Bedingten und Relativierbaren, sie seien gleichsam anthropologisch allgemeingültig und ideologiefrei. In einer autoritär-patriarchalischen Familie vor 200 Jahren waren die \"Grundbedürfnisse\" sicher nicht schlechter befriedigt als in einer normalen modernen. Trotzdem aber endet ein Jugendlicher, der heute unter jenen aufwächst, u. U. und wenn es gut geht, in der Erziehungsberatung. Auch Geborgenheit ist eben immer eine bestimmte und besondere, und die Rede von Geborgenheit und Entwurzelung – wenn sich hinter ihr nicht eine kulturpessimistische Ideologie verbirgt – scheint mir nichts als ein Umgehen mit leeren Begriffen zu sein, solange offen bleibt, welche konkrete bergende Lebensform, welche konkreten Wurzeln gemeint sind. \n  Solche Formulierung des Allgemein-Menschlichen, ob es nun als \"Grundbedürfnisse\" oder als andere Formulierung auftritt, bezeichnet recht gut die Verlegenheit, in der wir uns befinden und die auf dieser Tagung erörtert werden soll. Sie enthält nämlich im besten Falle die Einsicht, daß mit einem einseitig traditionell oder wie auch immer bestimmten Menschenbild keine allgemeine Grundlegung der sozialen Arbeit geleistet werden kann. Sie macht uns aber andererseits auch deutlich, daß das eigentliche Problem noch offen ist muß denn nun der Mensch bestimmt sein, der in unserer Gegenwart lebt und leben und unter welchen Voraussetzungen hat soziale Arbeit zu geschehen? Oder konkreter: welcher Weise verwirklicht sich heute der Mensch, wie hat er sich schon durch die ihn umgebende Welt, in dem Zusammenhang \"anderer Wirklichkeiten\" bestimmt, wie sieht die Praxis seines Lebens aus? \n  Diese Frage wird leicht verbaut und zwar durch das merkwürdige Phänomen, daß der Mensch im Laufe der letzten 150 Jahre zwar die Umstände, in denen er lebt, ziemlich grundlegend verändert hat, selbst aber – jedenfalls in seinem Bewußtsein – der alte geblieben ist. Er verhält sich zu sich selbst so, wie ihn eine vorindustrielle Generation ausgelegt hat. Er glaubt von sich, daß er das bleiben könne, was er war, während er sich doch selbst Leben zu führen auferlegt hat, das mit diesem Einstmals nur noch wenig zu tun hat. \n  Daß so etwas nicht ohne Schwierigkeiten bleibt, müßte eigentlich auf der Hand liegen. Und diese Schwierigkeiten äußern sich auch in der Tat als Kulturpessimismus, als Generationsspannungen, in dem Gefühl einer Berufsgruppe – eben der Sozialarbeiter – überfordert zu sein, als Ausweich- und Fehlhaltung im individuellen Bereich, oder auch als verfehlte Städteplanung, als Verkehrsproblem, oder als besondere , Irrationalismus, falsches Sicherheitsbedürfnis . Vor diesem Hintergrund entsteht für die soziale Arbeit eine ganz allgemeine Aufgabe, die sie mit vielen gesellschaftlichen Institutionen teilt, die sich bei ihr aber in Schärfe stellt: Dem Menschen helfen, sich zu verändern, sich einzustellen auf seine Lage, seine Praxis und seine Theorie, sein Verhalten und sein Bewußtsein in Übereinstimmung zu bringen. Genau das nämlich geschah nicht in dem eingangs angeführten Beispiel des Mädchens mit der Lampe: sie kaufte aus der modernen Produktion, ohne sich über die Wirklichkeit und die Konsequenzen solchen Verhaltens klar zu sein. – Daß die zwischenmenschlichen Beziehungen heute ein interessantes und vieldiskutiertes Thema sind, ist in diesem Zusammenhang symptomatisch. Denn in ihnen werden \"die sozialen Veränderungen unmittelbar in psychische Veränderungen umgesetzt\" (Mannheim 24 )  ; in ihnen prallen aber auch unmittelbar die Hoffnungen, die ich hege, die Vorstellungen, die ich vom Menschen habe, und die realen Möglichkeiten des Verhaltens aufeinander. (Denn zwischenmenschliche Beziehungen gibt es in fast allen Bereichen des Lebens  .)  \n  Soll das alles nun heißen, daß die alten Ideologien durch eine neue, die alten Menschenbilder durch ein neues abzulösen wären? Nein und ja! Ein Charakteristikum unserer Gesellschaft besteht darin, daß sie historisch ist. gehört zu ihrem Wesen, daß sie über ihr Entstehen, ihre Geschichte und die Überlieferung reflektiert und daß auf diese Weise das Vorangegangene, die Vergangenheit mit ihren vielfältigen Möglichkeiten menschlicher Verwirklichung in ihr aufgehoben ist. Es gehört damit zu ihrer Struktur, daß die Vielheit der Aspekte, der Weltanschauungen oder Ideologien in ihr als Möglichkeiten gegenwärtig sind und an den verschiedenen Stellen ins Spiel treten können. Ebenso aber gehört es zu ihrem Wesen, daß in ihr keiner dieser Aspekte verabsolutiert werden kann. Keiner dieser Aspekte kann und darf das Ganze zu umgreifen versuchen, da Ganze ja eben in jenem Nebeneinander existiert. Das, was also bisher die Funktion einer das Ganze umgreifenden Ideologie hatte, christlich, humanistisch, sozialistisch oder wie auch immer, das wird jetzt ausgefüllt durch ein bestimmtes Verhalten all diesen möglichen Aspekten gegenüber. Praktisch will ich damit sagen: eine christliche Beratungsstelle geht, wenn sie sich so bezeichnet, an ihrer eigentlichen Aufgabe vorbei. Die Aufgabe ist der sachentsprechende Umgang mit den Weltaspekten – wobei die Sache in der Situation des Hilfsbedürftigen besteht ist deren richtige Verwendung. \n  Ich sagte, die allgemeinste Aufgabe der sozialen Arbeit darin, allen Menschen zu helfen, sich auf die Lage umzustellen. Ich meine nicht die individuelle Lage eines , obwohl sich dann auch für sie Konsequenzen ergeben. Ich meine vielmehr die Lage der Gesellschaft, von der ja die Lage des Einzelnen auch nur ein variiertes, pointiertes oder verzerrtes Spiegelbild ist. Was also ist unsere Lage? Das über den Charakter unserer Gesellschaft Gesagte muß uns noch für die soziale Praxis ergänzt werden. Unsere Gesellschaft ist nicht einsinnig, sondern mehrsinnig. Es gibt in ihr nicht nur die heterogensten Aspekte, sondern auch heterogene Bereiche, die je anderen Strukturgesetzen folgen. Pestalozzi konnte noch glauben, daß das Hineinwachsen in die Gesellschaft wie ein Ausbreiten in konzentrischen Kreisen vor sich gehe, so daß schließlich auch der Kreis des Staates noch als Analogie zur Familie zu verstehen sein konnte (Landesvater). Das im inneren Kern, in der Familie Erworbene behielt seine Gültigkeit in jedem sozialen Bereich, in ihr konnten die sittlichen Fundamente für alles Weitere gelegt, die Elemente alles Komplizierteren gelernt werden. Der Stufengang war der vom Einfachen zum Komplizierten. \n  Dieses Bild stimmt nicht mehr. Familie, Politik, Arbeit, industrielle Freizeit lassen sich nicht mehr als Analogien verstehen. Es sind heterogene Bereiche, disparat sind, wie ich es ausdrückte, mehrsinnig. Jeder Bereich hat einen eigenen, autonomen, von den anderen unabhängigen Sinn. Die Familie ist – freilich zeitlich und vielleicht auch in anderer Hinsicht der erste. Aber \"das vielgebrauchte Wort von ist einfach falsch. Im Staatsaufbau z. B. hat die Familie keine Heimat mehr\" (Lambrecht 379 )  . \n  Dem entspricht die ideologische Situation. Auch da ein Nebeneinander des Vielen und Verschiedenen der Interessen und Weltanschauungen. Jeder einzelne der gesellschaftlichen Bereiche hat gleichsam ein ihm zugeordnetes Bewußtsein. Der Mensch aber ist nun in der unangenehmen Lage, immer in mehreren solcher Bereiche zugleich leben zu müssen. Er muß gleichsam je ein Bewußtsein ändern, denn die Erwartung, die er einem geordneten Familienleben gegenüber hegt, kann er kaum hoffen, auch im Betrieb befriedigt zu finden ist es im Kino, in der Wahlversammlung, anders in der Schule, anders im Jazz-Klub. Analogien bestehen zwischen diesen Bereichen kaum. Das in einem Bereich gültige Verhalten, die dort gewonnene Erfahrung gelten nicht im anderen. In einer solchen Lage ist \"der ganzheitliche Mensch\" eine sehr fragwürdige Formulierung. Eine Forderung, meine Tätigkeit dadurch \"menschlich\" zu gestalten, daß ich sie mit meinem eigenen ausfülle, ist angesichts dieser Situation geradezu absurd. \"Unser Sozialapparat baut sich durchgängig so auf, daß er die Menschen immer je in bestimmten Hinsicht betrifft, sie aber als ganze Person nicht in sich eingliedert und nicht einmal in Anspruch nimmt\" (Freyer 231 )  Das bedeutet aber für das Ideologieproblem, daß die in einem Bereich gültigen Normen, werden sie für das Ganze in Anspruch genommen, ein falsches Bewußtsein verraten. Ja mit einer solchen ideologischen Forderung dränge ich als Sozialarbeiter meine Klienten geradezu in die Konfliktsituationen hinein, denn das Geforderte ist im Normalfall gar nicht zu leisten. Die Sache hat also zwei Seiten: Sie betrifft den Sozialarbeiter und sein Bewußtsein, seine Prinzipien – und sie betrifft den Klienten, die möglichen Ursachen seiner Not und die möglichen Wege seiner sozialen Wiederanpassung. \n  Die einsinnige Interpretation unserer sozialen Wirklichkeit also wäre ein Rückfall. Er macht sich als ideologische Täuschung bald bemerkbar, wenn man ihn nicht – wie im Kommunismus – mit Gewalt durchsetzt. Die mehrsinnige Gesellschaft ist eben nicht unter einen einheitlich verbindlichen Inhalt wie die Produktion, eine bestimmte Sozialethik, ein klassischer Bildungskanon, eine umgreifende Idee zu subsumieren. \n  Daraus ergibt sich nun aber – wie ich meine – eine durchaus positive Bestimmung der Lage und des Menschen in dieser Lage. Da der Mensch sich als ein je anderer verhält, da er sich nicht mehr ganzheitlich engagiert und gar nicht mehr so engagieren darf, verhält er sich zu seinem je anderen Verhalten faktisch distanziert. Er spielt Rollen. Der Begriff der \"Rolle\" ist sicher nicht zufällig heute zu einem soziologischen Terminus geworden. Distanzierung ist die Voraussetzung zur Beherrschung. Die Ironie ist das Medium unseres Umgangs mit der Welt: eine Sache, ein Verhalten, eine Institution, eine Vorstellung in ihrem relativen Recht belassen, sie aber nicht als verbindlich für seine Person anzuerkennen. Das \"Bewußtmachen\" der Tiefenpsychologie ist nur ein methodisches Symptom dieses modernen Sachverhaltes. Jede Weltanschauung aber versucht mit ihrer Einseitigkeit, diese moderne Verhaltensstruktur zu durchbrechen. \n    . Konsequenzen \n  Mit den letzten Erörterungen habe ich mich etwas weit von der sozialen Arbeit entfernt. Aber nur scheinbar, denn es läßt sich nun einiges unmittelbar folgern, das für die Praxis der sozialen Arbeit durchaus von Belang ist. Ich will das in Andeutungen tun. \n  Man erlebe heute die Notwendigkeit, schrieb Musil, \"eine Moral, die seit zweitausend Jahren immer nur im kleinen dem wechselnden Geschmack angepaßt worden ist, in den Grundlagen der Form zu und gegen eine andere einzutauschen, die sich der Beweglichkeit der Tatsachen genauso anschmiegt\" ( 259 )  . Makarenko äußert, die Begriffe für die sogenannten Tugenden sagen für sich noch gar nichts, ihr konkreter Inhalt müsse je neu bestimmt werden für den Zusammenhang, in dem sie gelten sollen. Und über eine solche neue Bestimmung lesen wir etwa kulturkritisch bei Horkheimer. Die Kritik, die sich in diesem letzten Zitat ausspricht, muß man nicht teilen, denn: Was ist die \"moralische Substanz\"? Aber der Hinweis , daß Anweisungen, Rezepte und Leitbilder dort fungieren, wo früher sittlich-verbindliche Normen ihre Stelle hatten, liegt in der Richtung dessen, was ich meine. Eine sittliche Norm im alten Sinne kann ich nicht abwechselnd gelten lassen und ignorieren, hier annehmen und dort nicht. Eine Anweisung aber gilt von vornherein und immer nur für einen bestimmten und begrenzten Bereich oder Vorgang. Ich kann mich nach vielen und auch widersprechenden Anweisungen  nacheinander  verhalten. Die alte Frage der Moralität wird damit hier gegenstandslos. Die Moral hat sich, wie Musil sagt, \"in der Form verändert\", in ihrem Material tat sie es schon immer. Die Anweisungen nun, Rezepte oder Leitbilder für die Familie, die Schule, den Beruf, die Freizeit stehen heute anstelle einer kontinuierlich durch alle Bereiche gehenden verbindlichen Norm. Und wenn ich recht sehe, ist das heute nicht nur in der gesellschaftlichen Praxis im weitesten Sinne schon Wirklichkeit, sondern wird auch in der sozialen Arbeit, etwa im Casework schon in Methode umgesetzt. Das oralische ist ein anderes je nach den mit einem bestimmten Bereich gesetzten Zwecken. Jeder Bereich hat seine eigene Moral, oder, in der Sprache des Casework: Die Prinzipien der Behandlung müssen immer erst aus der individuellen Situation des Klienten entwickelt werden. \n  Das bedeutet: Verzicht auf eine sittliche Leitidee in der sozialen Arbeit – die Maßstäbe für Behandlung und Lebensführung des Hilfsbedürftigen nur aus seiner Situation, vor allem aber dem gesellschaftlichen Bereich, dem seine Schwierigkeiten zugehören, entwickeln das heißt ferner: Die Maßstäbe sind nicht übertragbar \"inneren\", \"ganzheitlichen\" Bindungen sind zu vermeiden, sie erschweren nur den existenznotwendigen Wechsel der Positionen Prinzip der \"Wohnstubenerziehung\" als Kern aller sittlichen Erziehung ist fragwürdig Familie ist in ihrer sozialpädagogischen Bedeutung nur noch relativ neben anderen Bereichen Ratsuchende, Hilfsbedürftige, der Zögling muß lernen, Rollen zu spielen, sich den Bereichen anzupassen, d. h. aber ebenso nachdrücklich: sich selbst zu bestimmen. \n  Auch die Autorität, die ja immer im engen Zusammenhang mit der Sittlichkeit gehen wird, verändert sich unter diesem Aspekt. Die autorisierte Person ist dieses nicht, weil sie einen allgemein verbindlichen sittlichen Inhalt repräsentiert oder kraft einer bestimmten Funktion zu fordern berufen ist, sondern sie ist dadurch autorisiert, daß sie auf einen Sachzusammenhang hinweist und die Beherrschung dieses Zusammenhangs repräsentiert, damit zugleich die Selbstbeherrschung paradigmatisch vorbildet. Schlechthin von \"persönlicher Autorität\" zu sprechen, ist also mindestens ungenau. Die autorisierte Person verweist auf die Autorität der Sache – etwa einer normal funktionierenden Familie, eines organisierten , eines zu lernenden Inhaltes, eines geordneten Heimes, eines bestimmten Berufes . Autorität ist daher dort anzutreffen und nur dort zu rechtfertigen, wo das Maß an Sachbeherrschung, an Weltbeherrschung am größten ist. Das Gefälle zwischen zweien, das Autorität ermöglicht, ist also kein sittliches im traditionellen Sinne, es ist Gefälle, das auf unterschiedlicher Weltbeherrschung beruht. Die Autorität verschwindet in dem Augenblick, wo die Freiheit der Sache gegenüber bei beiden das gleiche Niveau erreicht hat. Es geht also nicht um die Anerkennung einer bestimmten Autoritätsperson, sondern einer notwendigen Funktion, des in einer bestimmten sozialen Hinsicht notwendigen Verhaltens. \n  Da nun aber, wie ich behaupte, die Gesellschaft mehrsinnig ist, ergäbe sich besonders in pädagogischer Hinsicht   eine weitere, sehr wichtige Konsequenz: Der Heranwachsende muß lernen, in den heterogenen Bereichen des sozialen Lebens sich frei zu bewegen. Das bedeutet, daß Autorität ihm immer schon als nur relativ gültig präsentiert werden darf; zur Erfahrung der Autorität würde damit grundsätzlich auch die Erfahrung von deren Grenze gehören. Es wäre folglich eine pädagogische Aufgabe, den jungen Menschen nicht irgendeine Autorität sondern möglichst viele, verschiedene Autoritäten erfahren zu lassen. Die pädagogische Provinz, der und einheitliche Erziehungsraum, seine Stileinheit und Stilreinheit, wäre kaum zu vertreten. Eine Konsequenz wäre z. B. in ästhetischer Hinsicht gerade die Stilmischung und Vielheit als Prinzip. Der Umgang mit heterogenen Bildungsinhalten, Epochen, Stilrichtungen in der Gegenwart entspricht ja genau dem wechselnden Verhalten in sozialen Bereichen. Die Autorität eines Stils, etwa der Fugen des Aufbau und Beschreibung der einzelnen Stücke Wohltemperierten Klaviers oder der expressionistischen Malerei kann daher ebenso wie eine sittliche Norm eine Einsinnigkeit repräsentieren, fordern und hervorrufen, die dann später im gesellschaftlichen Leben keine Entsprechung mehr findet. \n  Solche Überlegungen waren nun auch anzustellen im Hinblick auf andere, in der sozialen Arbeit grundlegende Vorstellungen. Was nennen wir eigentlich \"Verwahrlosung\"? Welche Vorstellung vom Menschen steht hinter der Feststellung, ein bestimmter Jugendlicher sei verwahrlost? Welches sind die viel berufenen gefährdenden Momente der modernen und wieso eigentlich sind sie gefährdend? Stellt man sich damit, etwa mit dem Jugendschutzgesetz, nicht auf einen permanenten aussichtslosen Kampf gegen die Gesellschaft ein, und wäre es nicht sinnvoller, nicht das Bewahren vor den gefährdenden Phänomenen zum Prinzip zu erheben, sondern den Umgang mit ihnen erlernen zu lassen – vielleicht und dann vor allem erst selbst diesen Umgang zu lernen? Was kann schließlich über das Ethos des Sozialarbeiters gesagt werden und über seine – wie es heißt – \"persönlichen Voraussetzungen\" ? \n  Diese Fragen kann ich nicht erörtern. Sie können nur im unmittelbaren Kontakt mit Praxis behandelt und vielleicht gelöst werden. Worauf es mir ankam, war nur, die Richtung anzudeuten, in der, wie ich meine, eine Selbstkritik der sozialen Arbeit verlaufen müßte. \n       "