"     Schleiermacher schreibt dies in Berlin 1798 an seine Schwester Charlotte, und es klingt merkwürdig genug. In mir jedenfalls erzeugt es eine Art spontaner Antipathie, wenn ich lese \"es ist mir bisweilen bange danach, daß ich nichts zu erziehn habe\", oder wenn es über die beiden Mädchen heißt: \"ich erziehe immer ein wenig an ihnen\". Das tönt in unseren Ohren recht merkwürdig, etwa nach jener pädagogischen Geschäftigkeit, die sich seit in dem 16bändigen \"Revisionswerk\" des Johann Heinrich Campe darstellte   (Hg.): Allgemeine Revision des gesamten Schul- und Erziehungswesens von einer Gesellschaft praktischer Erzieher, Berlin ff. , so als sei die gezielte und planmäßige, an Vernunftgründen orientierte und auf die bürgerliche Brauchbarkeit gerichtete Erziehungsanstrengung die wichtigste Aufgabe der Nation. Und nun, so scheint es, stimmt Schleiermacher in diesen vielstimmigen Chor ein, drängt sich gleichsam nach dieser \"Pflicht\", meint, daß Bücherschreiben ohne Nutzen, \"Predigen wohl etwas mehr, aber nach der gegenwärtigen Einrichtung doch auch wenig genug\" sei. Schleiermacher, der sonst in seinen Briefen so sorgfältig formuliert, so empathisch gerade auf alle Nuancen in menschlichen Beziehungen sich einläßt und, wie er später sagt, eine \"divinatorische\" – also erratende und erahnende – Haltung dem Kinde gegenüber für unerläßlich hält, beklagt sich, er habe \"nichts zu erziehen\" oder er \"erziehe (an anderen) immer ein wenig\" herum. Immerhin war er seit einem knappen Jahr mit Friedrich Schlegel befreundet und lebte seit sieben Monaten mit ihm zusammen in einer Wohnung. Schlegel, hätte er diese Formulierungen gekannt, würde sich vermutlich entrüstet haben; diese Direktheit der Absicht, dieser unverstellte Wunsch nach empirischer Einwirkung auf die junge Generation wäre ihm unromantisch, unironisch vorgekommen, wie eine plumpe Äußerung, ein ganz und gar unpoetisches Begehren nach bürgerlicher Vaterschaft. Glücklicherweise kannte er die Briefstelle nicht, und die einerseits innige, andererseits von Anfang an problematische Freundschaft durfte noch ein paar Jahre dauern. \n  Indessen enthält das Briefzitat doch auch noch einen anderen Ton, wenngleich nur andeutungsweise: \"Im Winter, habe ich versprochen, will ich sie allerlei lehren.\" Liest man diese Stelle in der Stimmung des Briefes, dann könnte es sowohl bestimmte Absicht als auch zögernde Frage bedeuten: welches Allerlei? Nachdem der Winter vorbei ist, notiert er in einem Brief, wiederum an seine Schwester: \"Eigentlich glaube ich, daß ich von den Menschen ziemlich viel weiß … aber in dem, was man Welt nennt … da bin ich ein grausamer Stümper … Ich möchte wohl einmal etwas schreiben, wo das Alles drin wäre aber das ist auf viele Jahre hinaus.\" Viele Jahre hinaus – das waren ungefähr 15, bis nämlich Schleiermacher im Wintersemester 1814/15 seine erste Vorlesung über Pädagogik hielt, und da wird dann auch alles recht ordentlich ins System gebracht, noch besser in der Wiederholung vom Wintersemester 1820/21, am besten und ausführlichsten 1826. Aber das interessiert mich hier nicht so sehr; es ist zudem umständlich und ausführlich in der kompetenten Schleiermacher-Literatur gewürdigt worden. Mich interessieren eher die unordentlichen Teile aus der Zeit davor, und ich habe die Vermutung, daß sie uns besonders nahe stehen könnten. Die Romantik-Renaissance, die sich gegenwärtig über Fachgrenzen hinaus andeutet, nehme ich als Zeichen und konzentriere mich deshalb auf diejenigen Themen und Problemstellungen Schleiermachers, die dem frühromantischen Formkreis zuzurechnen sind. \n    1. Fragmente \n  Als Schlegel und Schleiermacher – Schleiermacher vermerkt mit Vergnügen und als sei es ein gutes Omen, daß sie beide denselben Vornamen haben – in Berlin 1797 ihre Freundschaft begannen, da drängt der Freund, Schleiermacher solle sich doch mit eigenen Einfällen an der geplanten Zeitschrift \"Athenäum\" beteiligen. Schleiermacher zögert noch und beklagt sich, daß Schlegel ihm \"einen kleinen Possen\" spiele, und die befreundeten Frauen Henriette  Herz  und Dorothea Veit \"aufhetzte, in choro in seinen alten Wunsch einzustimmen, daß ich nun auch … Bücher schreiben sollte. 29 Jahr und noch nichts gemacht, damit konnte er gar nicht aufhören, und ich mußte ihm wirklich feierlich die Hand darauf geben, daß ich noch in diesem Jahr etwas eigenes schreiben wollte – ein Versprechen, was mich schwer drückt, weil ich zur Schriftstellerei gar keine Neigung habe\"    A.a.O., 173 . . Aber er hält das Versprechen: Die unter dem Namen \"Athenäum-Fragmente\" bekannte Sammlung von Bonmots, polemisch-ironischen Skizzen, philosophischen und ästhetischen Einfällen – oder wie immer man diese romantische Kuriositäten-Sammlung charakterisieren will –, Sammlung erschien zwar ohne Nennung der Namen der beteiligten Autoren aber wir wissen, der Philologie sei Dank, daß nicht nur Schlegel, sein Bruder August Wilhelm und Novalis, sondern auch Schleiermacher zu den Verfassern zu zählen ist. Das Rätsel, das er seiner Schwester aufgab, nämlich die aus seiner Feder stammenden Aphorismen und Fragmente herauszufinden, ist gelöst: vielleicht 30 der Fragmente hat Schleiermacher geschrieben   Ich folge hier der Textidentifizierung von in: Friedrich Schlegel, Charakteristiken und Kritiken (1796–1801), Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, von E. Behler, , München/Paderborn/Wien 1967, 165 ff. (im folgenden zitiert als \"Fragmente\" ). Die Identifizierung ist im größten Teil der Fälle nicht schwierig: Schleiermacher, so scheint mir, teilt die Meinung des Erzählers in Thomas Bernhards \"Untergeher\" : \n  Schleiermacher konnte offensichtlich auf diese Form nur mit Mühe sich einlassen. Sein Problem war, eine passable Mitte zu halten zwischen dem pointierten Einfall und dem diskursiven Faden einer nachdenkenswerten Argumentation. Aber dennoch ist, daß er sich darauf einließ, ein wichtiges Zeichen. Dilthey hatte, in seiner Schleiermacher-Biographie, Schwierigkeiten, sich darauf einzustellen; ihm schienen dies nur Vorboten zu sein, die das kommende \"Lebensideal\" nur andeuten. Aber die Zuspitzungen und der Witz dieser Fragmente drücken eine Lebenssicht aus, deren Sinn verlorengeht, wenn sie nur vom historisch Folgenden her interpretiert wird. Diltheys Blick war historisch befangen – wie freilich auch der meine. Es sind eben verschiedene Rückblicke, die verschiedene Akzente möglich machen – eine hermeneutische Trivialität. Schleiermacher also, trotz seines Zögerns, entschließt sich zur Beteiligung. Zum Beispiel in dieser Form: \n  das schrieb noch Friedrich Schlegel und Schleiermacher setzt den Gedanken fort: \n  bis hierher ist es einer jener aphoristischen Gemeinplätze, die von Bernhards Kritik vielleicht zu Recht getroffen werden. Aber Schleiermacher setzt dann noch, das Verbrauchte dieser Quasi-Pointe offenbar bemerkend, abschließend hinzu: \n  Damit kommt ein soziologischer Sinn in den Aphorismus hinein. Denn tatsächlich hatten jene, die sich um 1800 um die Formulierung einer neuen, der bürgerlichen Revolution adäquaten Bildungstheorie bemühten, in der größten Zahl der Fälle nichts, was man im Sinne von \"Sachen\" hätte haben können. Sie \"reproduzierten\" sich, wie es in modernem Jargon heißt, durch Kopfarbeit, jedenfalls aber nicht oder kaum durch Vermögen. Insofern waren sie schon wie unsereins: lebten von Gehältern und Honoraren. Eine derartige Situation macht dann auch nachdenklich im Hinblick auf die Existenzbedingungen des Denkens und im Hinblick auf die \"empirische\" Reichweite einer pädagogischen Theorie, sowie auf die Frage, ob in Sachen der Erziehung durch \"spekulatives\" Vorgehen wirklich das \"Allgemeine\" erreicht werde Vgl. dazu Schleiermachers einschlägige Unterscheidungen in seinen Pädagogik-Vorlesungen von 1813/14 und 1826, in: E. Weniger/Th. Schulze (Hg.): Friedrich Schleiermacher, Pädagogische Schriften, Bd. 1, 7 ff. und 371 ff.  Zur Interpretation vgl. : Die Entstehung des deutschen Bildungsprinzips, Bonn 1930 .  \n  Diese Leute, das muß man sich vor Augen halten, gehörten weder zum grundbesitzenden Adel (von einigen Ausnahmen abgesehen), sie waren keine Kaufleute oder Kaufmannssöhne, sie waren nicht die Erben einer gut ausgestatteten Werkstatt, sie konnten größtenteils auf nichts als auf die Güte ihres Denkens bauen. Aber dieses Denken sollte doch das Ganze des Lebens umgreifen: \"Die Sachen nicht haben\", aber doch darüber denken, \"als ob man sie hätte\". Bildung ist, für solche, die nichts außer einem dafür ausgesetzten öffentlichen Salär haben, eine Existenzgrundlage. 1813 dann, in Schleiermachers erster pädagogischer Vorlesung, ist die Skizze eines der demokratischen Leistungsgesellschaft angemessenen Bildungssystems enthalten, mit den Kontroversen, die uns heute noch beschäftigen Vgl. besonders S. 377 ff. in Weniger/Schulze, a.a.O. ; dort allerdings erst in der Form allgemeiner Prinzipien. : eine Bildungstheorie für Lohnempfänger. \n  Aber hier, in den Athenäumsfragmenten, sind wir noch beim Kern der Sache, bei der Frage, was denn \"Bildung\" genannt werden darf, ehe dies seine Folgen in Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen hervorbringt. Z. B. bei folgendem Problem: \n  Ich hoffe nicht zu übertreiben, wenn ich sage, daß dieser Gedanke einen in eine Kaskade von pädagogischen Selbstreflexionen stürzen kann. Das ist romantische Ironie  Zur romantischen Ironie und ihrer Bedeutung für die Form von Bildungsproblemen vgl. : Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik, in: Schriften, Bd. 2, Frankfurt/M. 1955 , und : Satz und Gegensatz, Frankfurt/M. 1964, 5 ff. , auf pädagogische Sachverhalte bezogen. Wenn es noch eines Beweises dafür bedürfte, daß lange vor dem amerikanischen Sozialphilosophen G. H. Mead Schleiermacher es war, der den Grund aller Erziehungsprobleme in den Verhältnissen der menschlichen Beziehungen ( \"Interaktionen\") suchte, dann kann man ihn in diesen beiden Sätzen finden. Wie in einer Nußschale enthalten sie die Problemstellung, die uns bis in die aktuellen therapeutischen Projekte hinein beschäftigt. Das war ein zukunftsfähiger Gedanke, und er war zudem damals neu; das 17. Jahrhundert, ja noch Rousseau, hätte ihn so nicht denken können. Warum fasziniert er mich, jenseits der akademisch-historischen Diskurse, die mir dabei in den Sinn kommen, und über die Distanz von 185 Jahren hinweg? \n  Der Erzähler Thomas  Bernhard  hätte gewiß auch diesen Aphorismus degoutant gefunden; aber ich lasse mich dennoch auf ihn ein, und zwar deshalb, weil er eine zugleich dialogische und selbstreflexive Bewegung einfädelt: \"Ihr braucht beide keinen weiteren Beweis zu führen\" – das heißt doch soviel wie, daß der Beweis bereits im ersten Satz bzw. in seinem Verständnis liegt. Verständnis dieses ersten Satzes aber ist nur möglich, wenn man ihn als Zeichen für eine prinzipiell jedermann zugängliche Erfahrung nimmt; die ganz und gar unwissenschaftliche, auf der Grenze zwischen kontrollierter Alltagssprache und Irrationalität angesiedelte Terminologie macht das unmißverständlich deutlich: \"Umfang eines anderen\", \"Unebenheiten\", \"berühren\", \"Schmerzen machen\"; die Anrede des Lesers mit \"du\"; die rasche und wie selbstverständliche Einbeziehung des dialogisch-anderen \"Du\" in \"ihr … beide\"  Vgl. zu den \"Redeformen\" Schleiermachers in den Äthenäums-Fragmenten : \"Geisterfamilie\". Studien zur Geselligkeit der Frühromantik, Diss. Berlin 1970, 126 ff. Man muß dieses Fragment, spätestens beim zweiten Lesen, auf eigene Erfahrung beziehen, um überhaupt zu verstehen. Und man muß (dies ist ein interaktionslogisches \"Müssen\"), wenn man diese eigene Erfahrung revidiert, die Aporie nachvollziehen, die sich ergibt, wenn wir einerseits beanspruchen, der Individualität des je anderen gerecht zu werden, sie zu respektieren, und andererseits den Dialog zwischen uns als Individualitäten wollen, den Dialog, der notwendig Allgemeines enthält und also, soll er Dialog bleiben, die \"Unebenheiten\" der Eigentümlichkeit des anderen \"berühren\" muß. Dieses \"Berühren\" bereitet aber ebenso unausweichlich \"Schmerzen\". Wie also sollen, wie können Menschen, sofern sie sich als Individualitäten, und sei es als sich entwickelnde, respektieren, miteinander in geselligen Verkehr treten, ohne sich, durch wechselseitige Beschränkung, in der Ausbildung ihrer Eigentümlichkeit zu schaden? Für jeden auch nur halbwegs sensiblen, \"gebildeten\" Pädagogen ist das ein schwieriges Problem, um so mehr, je älter das Kind wird. Und es wird so auch gut verständlich, warum Schleiermacher in seinen späteren Vorlesungen über Pädagogik mit großer Umständlichkeit die Frage behandelt, welche \"Einwirkungen\" oder \"Gegenwirkungen\" auf Kinder eigentlich legitim seien  Pädagogische Schriften, a.a.O., 78 ff. und 380 ff. . Für die Klage Schleiermachers in jenem eingangs zitierten Brief vom August 1798, \"daß ich nichts zu erziehen habe\", ergibt sich nun vielleicht eine andere Lesart als die, die mir spontan und zunächst in den Sinn kam denn: Brief und Fragment sind fast gleichzeitig niedergeschrieben. \n  Um Schleiermachers Erziehungstheorie recht zu verstehen, bedarf es also (mindestens), diesen Gedanken samt praktischen Folgen nachzu vollziehen. \"Daß ich nichts zu erziehen habe\" meint nicht die Klage darüber, kein \"Macher\" sein zu können, meint nicht das Motiv, Kinder in gewünschte Form zu bringen. Es meint das \"Begehren\" nach einer Erfahrung   Dieser Ausdruck scheint mir hier angebracht in dem Sinne, in dem Lacan \"le désir\" (Wunsch oder Begehren) von Bedürfnissen oder von Wollen unterscheidet. Vgl. : Schriften , von N. Haas, Frankfurt/M. 1975, 210 ff. ; ferner : Das individuelle Allgemeine. Textstrukturierung und -interpretation nach Schleiermacher, Frankfurt/M.  1977  , 61 ff. , nämlich: wie denn, unter Beachtung jener Reflexionsmaxime, Erziehung möglich sei, wenn doch, geläufigerweise, alle Erziehung als eine gelegentlich recht empfindliche Form des \"Berührens\" anderer, hier besonders Schwächerer und wohl auch Verletzlicherer, verstanden wird. Dieser von Schleiermacher gesuchte Typus von Erfahrung liegt zwischen der Empirie und den Geboten der Sittlichkeit. Ihm ist \"jene praktische Philosophie der Franzosen und Engländer, von denen man meint, sie wüßten so gut, was der Mensch sei\" , ebenso fraglich wie jene , \"die mit dem Sollen anfangen und endigen\" und über diesem Problem \"die Erde selbst verloren\" haben; \"um zu sagen, was der Mensch soll, muß man einer sein, und es nebenbei auch wissen\"   Fragment Nr. 355, S. 228 .  . \n  Derartige Formulierungen sind weniger trivial, als es scheint. Die empirische Frage nämlich, was der Mensch sei und sein solle, läßt sich gar nicht anders beantworten als dadurch – so Schleiermachers Meinung –, daß man sich in die historisch gegebenen und gewordenen Beziehungen und Verhältnisse versetzt, in denen er lebt. Das \"Erziehen\" ist ein Teil davon. Zwischen der empirischen Frage nach dem, was der Mensch ist, und der praktisch-ethischen nach dem, was er soll, gibt es ein Zwischenfeld die tägliche, vor allem die pädagogische, Lebenspraxis – diese aber ist voller Symbole. \"Nebenbei auch wissen\", was einer sei, das heißt, die Zeichen dieser Lebenspraxis gelesen und verstanden haben. Von welcher Art also darf die \"Berührung\" zwischen Älteren und jüngeren sein, damit es einerseits zu diesem Wissen kommen kann, andererseits aber der Schmerz, den jedes Hineinregieren in das Innere des anderen bedeutet, minimiert wird? \n  Wie man sich so etwas denken könnte, dafür gibt es in Schleiermachers Athenäumsfragmenten Hinweise. Z. B. diesen: \n  Von Gesprächspartnern, die man uns empfiehlt, heißt es \n  Zur Vermeidung von naheliegenden Mißverständnissen ist vielleicht wenigstens eine Andeutung im Hinblick auf das nötig, was hier \"Ironie\" heißt: beispielsweise, mit Bezug auf den vorliegenden Fall, \"absichtlich sich aus seiner Klugheit herauszusetzen und sich mit Entsagung auf dieselbe als ein Naturwesen der Gesellschaft zum beliebigen Gebrauch hinzugeben\"    Ebd.  ; vgl. auch 11 . Ironie ist also nicht etwa eine Haltung und die ihr zugehörige Redeform, die einen anderen herabsetzt sondern eine Form der Rede, die die Fertigkeiten meiner selbst in die Schwebe bringt, und zwar bis zur \"Entsagung auf dieselbe(n)\". Nun sieht man, wie \"Wohlwollen\", das auf \"Beförderung fremder Freiheit\" geht, mit Ironie, wie diese Opposition mit Empfänglichkeit und Tätigkeit, mit Abhängigkeit und Freiheit zusammenhängt, und wie das Ganze sich zur \"Gewährung tierischer Genüsse\" verhält – nämlich so: \n  Die pure \"Gewährung\" ist eigentlich menschenverachtend, auf keinen Fall aber \"wohlwollend\", und zwar aus zwei Gründen: Einerseits gebe es – so sagt Schleiermacher später in den Pädagogikvorlesungen – keinerlei empirisch zuverlässigen Grund anzunehmen, daß irgendwann, ja nicht in dem vorgeburtlichen Stadium des Menschen, die organisch-körperlichen von den \"intellektuellen\" Eigenschaften gesondert werden könnten. Solange also dies nicht empirisch zuverlässig möglich ist, sind wir verpflichtet, in allem Menschlich-Organischen auch das \"Intellektuelle\" wenigstens als Möglichkeit zu unterstellen  Vorlesung von 1813/14, Weniger/Schulze a.a.O., S. 373 u. 389 . Deshalb ist \"Gewährung tierischer Genüsse\", wenn überhaupt den Namen \"Wohlwollen\" verdienen könnte, höchstens das Wohlwollen gegenüber einer Abstraktion, Wohlwollen gegenüber einem damals gerade im Entstehen befindlichen Konstrukt der Medizin. Darin liegt indessen – auch dieses Mißverständnis gilt es abzuwehren – nichts weniger als eine Abwertung von Körperlichkeit, von Sinnlichkeit, wie beispielsweise aus den Metaphern der Reden \"Über die Religion\" hervorgeht. Nein, es sind keine Metaphern, denn es heißt, daß der \"erste geheimnisvolle Augenblick, der bei jeder sinnlichen Wahrnehmung vorkommt, ehe noch Anschauung und Gefühl sich trennen, wo der Sinn und sein Gegenstand gleichsam ineinandergeflossen und eins geworden sind\" – daß dieser Augenblick nicht \"wie\" eine \"bräutliche Umarmung\" sei, sondern: \"er ist dieses selbst\" In dieser Hinsicht dürfen wir uns nicht zergliedern.  Das ist kein Redeverbot, sondern es zeigt nur auf die Grenzen zwischen \"Sagbarem und Unsagbarem\" (M. Frank) , darauf, daß das Unsagbare die Referenz des Sagbaren sei, darauf, daß die szientistischen Abstraktionen, unsere Konstrukte von \"Körper\" und \"Geist\", von \"Emotion\" und \"Kognition\", von \"Trieb\" und \"Über-Ich\", von \"Basis\" und \"Überbau\" zwar begriffliche Hilfsmittel sein mögen, aber immer mit dem Risiko, dabei die möglichen Erfahrungen innerhalb unserer \"Lebenswelt\" zu verfehlen – besonders diejenigen elementaren Erfahrungen, denen die Erziehung nicht ausweichen darf, die aber dem wissenschaftlichen Reden nur begrenzt zugänglich sind. \n  Die Gewährung von nichts als \"tierischem Genuß\" ist deshalb menschenverachtend, weil sie, als Abstraktion, nur Empfänglichkeit bzw. Abhängigkeit zum Thema macht, nicht aber Spontaneität bzw. Freiheit. Deshalb darf \"Wohlwollen\" nur eine Haltung genannt werden, die der Individualität des Raum gibt, also seine Spontaneität, seine Tätigkeit, seine \"Freiheit\" befördert. Das ist vernünftig, weil, im geselligen Verkehr und besonders in allen pädagogischen Verhältnissen, Empfänglichkeit immer schon vorausgesetzt werden kann. Also kommt alles darauf an, daß die Tätigkeit des je anderen befördert wird. \n  Was kann man dazu tun? Dafür ist hilfreich \"Ironie\", sofern Ironie gegen sich selbst ist. Sie sichert nämlich zweierlei: sie schützt, der Einklammerung des eigenen Zugriffs auf den anderen wegen, diesen anderen davor, in eine Situation überwiegender Empfänglichkeit hineingenötigt zu werden, und sie schützt sich selbst davor, für Freiheit zu halten, was nichts als individuelle \"Manier\" ist. \"Wohlwollen\" und Ironie befördern also nicht nur die Freiheit des anderen, sondern auch meine eigene. Damit ist freilich ein prekäres Verhältnis postuliert; und da Schleiermacher immer wieder Vergleiche aus der Erfahrung der Liebe zwischen Mann und Frau heranzieht, um die ihm wichtigsten Problemstellungen zu erläutern, zitiere ich noch dieses Fragment, in dem das Gegenbild erscheint: \n    2. Geselligkeit \n  Die Haltung des Nüchternen in dieser Relation signifiziert weder Wohlwollen, noch Zynismus, noch Ironie. Sie ist, in Schleiermachers Worten, \"taktlos\", was soviel heißt wie: im geselligen Verkehr gleichgültig sein gegenüber den Balancierungen zwischen Empfänglichkeit und Tätigkeit, Gemeinschaftlichkeit und Eigentümlichkeit. Wer diese Balancen halten kann, ist gebildet. Erziehung ist die Hervorbringung dieser Kompetenz im Medium des geselligen Verkehrs zwischen den Generationen. \n  Friedrich Schlegel schrieb in den Athenäumsfragmenten: \"Geist ist Geselligkeit\" Das enthält einen Hinweis sowohl auf die Struktur als auch auf die Genese der Bildung. Vom anderen Friedrich hätte dieser Satz naturgemäß auch stammen können. Das erhellt, wenn man dessen wenig später entstandenen \"Versuch einer Theorie des geselligen Betragens\" studiert, in welchem jenem Satz Schlegels gleichsam nachgeforscht wird, und zwar im Hinblick auf die Bedingungen, die die Bildung jenes \"Geistes\" als \"innerer Geselligkeit\" ermöglichen könnten   Dazu : Schleiermachers Theorie der Geselligkeit und ihre Bedeutung für die Pädagogik, Weinheim 1965 ; ferner : . . Dieser Essay Schleiermachers repräsentiert eine in Begriffe gefaßte ganz eigentümlich romantische Erfahrung: die Erfahrung der Nachmittags- und (um mich modisch auszudrücken) in Halle und Berlin in den Häusern wohlhabender Freunde, wo lockere Formen der Welt- und Selbstbetrachtung ausprobiert wurden, wo man sich von den zweckrationalen Handlungszumutungen des bürgerlichen Lebens freistellen konnte, wo deshalb – wenigstens in dieser zeitlichen und räumlichen Enklave – ein Konzept von Bildung als Wechselwirkung zwischen ebenso empfänglichen wie tätigen Individuen – \"durch den freien Umgang vernünftiger sich untereinander bildender Individuen\"   Versuch einer Theorie des geselligen Betragens, in: Schleiermacher, Werke in Auswahl, von O. Braun, Bd. II, Leipzig 1927, S. 4 .  – plausibel schien. Dabei bekommen freilich Beruf und Familie ihre Hiebe ab: \"Der Beruf bannt die Tätigkeit des Geistes in einen engen Kreis\" und bringt \"Einseitigkeit und Beschränkung hervor\" (versetzt man sich in die gleichzeitig verfaßten Lebensbeschreibungen von Handwerkern hinein, kann man, aus deren Perspektive, sagen: Der Prediger hat gut reden!). Desgleichen werden durch das \"häusliche Leben\" Beschränkungen auferlegt; mit deutlichem Hinweis auf die damals noch gängige christliche Hausväterliteratur und die moralischen Wochenschriften, wenngleich implizit, sagt Schleiermacher, \"einem aufmerksamen Gemüt bald geläufig\" , die intellektuelle Ausbeute \"mit jedem … geringer\" , kurz: das Bildungsmilieu um so dürftiger, je älter der junge Mensch werde    , 3  . Es bedürfe deshalb eines geselligen Zustandes, der diese Beschränktheit ergänzt. \n  In diesem geselligen Zustand, dieser bildenden Sozialform, waren Redeformen erlaubt, die im Beruf unnütz schienen, weil dem gewünschten Zweck technisch nicht angemessen, in der Familie schädlich, weil für ihre \"sittliche Ökonomie\" bedrohlich, in der Wissenschaft unwillkommen, weil einer diskursiven Argumentation nicht unbedingt zuträglich. \"Riskante Konjekturen\" könnte man die rhetorischen Figuren nennen, die im Medium der Geselligkeit als angemessen erschienen, ihren \"sittlichen Zweck\" . Dieser wird so bestimmt, daß \n  Dies ist die These, die nun, im Verlauf des Essays, instrumentiert wird d. h. es werden die Instrumente und die Regeln ihrer spielerischen Verwendung (man darf dies ruhig als eine musikalische Metapher verstehen) erläutert: eine der ersten begrifflich ausgearbeiteten \"Interaktionsanalysen\", wie wir heute sagen würden, die es in der pädagogischen und bildungstheoretischen Literatur gibt. Und überdies liest sich der Text wie eine beispielhafte Erläuterung der anthropologischen These, die Helmut Pleßner 1928 vortrug, nämlich, daß \"Geist\" in der \"des eigenen Ichs\" bestehe   : Die Stufen des Organischen und der Mensch, Berlin 1965, S. 303 ; Friedrich Schlegels Formel \"Geist ist Geselligkeit\" findet dort ihre anthropologische Rechtfertigung. . Aber wie bei Pleßner, so ist auch bei Schleiermacher von Beginn an deutlich, daß es sich dabei um nichts weniger handelt als um die Erörterung konventioneller Verhaltensempfehlungen. Die Polemik gegen jene Art von Literatur, für die Knigges \"Umgang mit Menschen\" die am bekanntesten gebliebene Veröffentlichung war   : Über den Umgang mit Menschen, Leipzig 1911 ( Auflage 1788) . , ist unübersehbar. Übrigens zeigt sich, vergleicht man die \" Theorie des geselligen Betragens \" mit den entsprechenden Passagen in den Reden \" Über die Religion \", eine wichtige Eigentümlichkeit Schleiermacherschen Denkens, die mit \"Ironie\" zu tun hat: Obwohl er in der vierten Rede einen, offenbar durch die in der , Begriff religiöser Geselligkeit entwirft, dem er sich selbst verpflichtet fühlt    , klammert er doch in der \"Theorie\" diese eigene Position gleichsam ein und bringt einen Geselligkeitsbegriff zur Darstellung, der, dem kirchlichen Leben gegenüber, säkulare Allgemeinheit beanspruchen könnte – ein \"ironisches\" Verfahren, das er auch in den Pädagogik-Vorlesungen an wendet, wenn es um das Verhältnis zwischen pädagogischer und ethischer Theorie (seiner eigenen nämlich) geht. Das bedeutet nichts weniger, als daß er in seiner theoretischen Arbeit eine gesellige Tugend zu praktizieren sucht, die er im Begriff der bürgerlichen Geselligkeit theoretisch postuliert. Die darin zum Ausdruck kommende Haltung scheint mir ein besonders eindrucksvolles Beispiel für eine demokratische und zugleich wissenschaftliche Kultur zu sein: ohne die eigenen Optionen zu verleugnen, die theoretische Aufmerksamkeit auf das zu richten, was – zwischen den verschiedenen Optionen und Interessen – die Sphäre gemeinschaftlicher Problemstellungen sein könnte. \n  Schleiermachers Gedankengang erscheint mir insofern wie eine utopische Metapher: am Bild des geselligen Verkehrs wird ein sittlicher Zustand menschlicher Beziehungen phantasiert ( \"geahndet\") und beschrieben, in denen das interessegeleitete Besondere das projektierte Allgemeine, das Außen und Innen, gegenwärtige Vergangenheit und gegenwärtige Zukunft, Geist und Körper als Signifikate möglich werden. Der Körper ist dabei von besonderer Bedeutung. \n    3. Schamhaftigkeit \n  Die Frage, wie wir mit unserem physischen Leib umgehen können und sollten, hat Schleiermacher an zentralen Stellen seiner Pädagogik-Vorlesungen immer wieder beschäftigt (es ist deshalb auch nicht überraschend, wenn Manfred Frank theoretische Übereinstimmungen zwischen Schleiermacher und dem französischen Psychoanalytiker Lacan entdeckt hat    , a.a.O., 61 ff. Daß die Leibhaftigkeit der Erfahrung und der Erkenntnis in seinen frühen wie späten Schriften ein wichtiges Problem ist, liegt vielleicht auch daran, daß er mit seinem eigenen Körper Schwierigkeiten hatte; er soll leicht verwachsen gewesen sein. . Er geht, um seinen Gedanken einzufädeln, von einer gänzlich trivial scheinenden Frage aus, nämlich: sind wir berechtigt anzunehmen, daß es irgendwo und irgendwann im Leben des Kindes etwas \"Physisches\" gebe, ohne daß damit zugleich auch etwas \"Intellektuelles\" gegeben sei? In seiner in solchen Fällen üblichen lakonischen Manier der Vorlesungsnotizen hätte auch hier stehen können: \"Ich verneine\" Es folgt eine Erörterung des zeitgenössisch-empirischen Wissens über diesen Gegenstand. Es zeigt sich, daß dieses Wissen im Hinblick auf die angesprochene Frage wenig zuverlässig ist. Es folgt die Erwägung, bei welcher Art von Annahme, Unsicherheit des Wissens vorausgesetzt, sich die schlimmeren Fehler (d. h. unkorrigierbare Folgen) einstellen, Folgerung: Die schlimmeren Fehler sind zu befürchten, wenn wir annehmen, es gebe Phasen oder Situationen im Leben des Kindes, bei denen wir nichts \"Intellektuelles\" zu unterstellen brauchen; also müssen wir es, zur Vermeidung jener Fehler, unterstellen. (Eine auch heute noch interessante Pointe ergibt sich nebenbei und konsequent: wir müssen dies sogar für den unwahrscheinlich klingenden Fall des Fötus unterstellen \n  Wenn das so ist, dann ist es praktisch sinnvoll (im Sinne dieser Kosten-Nutzen-Rechnung) zu unterstellen, daß alles Geistige eine Körperseite, alles Körperliche eine Geistseite hat. Ein delikater Fall dieser Problematik ist die Schamhaftigkeit. Im Zusammenhang mit der anonym erschienenen Schrift zur Verteidigung des Romans von Friedrich Schlegel, , der, wie es damals hieß, das Schamgefühl gröblich beleidigt, schiebt Schleiermacher eine kleine Abhandlung, \"Versuch über die Schamhaftigkeit\", ein  . . Ganz im Geiste romantischer Geselligkeit beginnt er mit einer Phrase, die eine \"ironische\" Behandlung des Themas erwarten läßt: \n  Wenn man also die Schamhaftigkeit schon zu den Tugenden rechnen will, wäre sie dann die (vielleicht) einzige Tugend, über die man nicht reden dürfte Das ist ein interessanter Fall, und vielleicht zeigt diese Schwierigkeit einen Defekt des gesellschaftlichen Zustandes an? Stelle ich mir Schleiermacher als Gesprächspartner über die Distanz von 184 Jahren vor, dann könnte ich ihm mitteilen, daß wir, wie es scheint, heute den umgekehrten Fall haben: nicht aus Schamhaftigkeit erscheint den Zeitgenossen ein Diskurs über Schamhaftigkeit übel, sondern aus Gleichgültigkeit gegenüber dem Problem; oder genauer: weil es sich, nach deren Meinung, um eine historisch überholte Rest-Problematik handelt (jedenfalls scheint dies gelegentlich die Meinung beispielsweise von Werbefotografen zu sein). Schamhaftigkeit, so könnte man diese Attitüde zusammenfassend charakterisieren, wird für Prüderie gehalten. \n  Genau! hätte Schleiermacher gesagt; nur haben wir (um 1800) den umgekehrten Fall: die Prüden geben sich als schamhaft aus und dies ist unser Problem! Ich (Schleiermacher) will Ihnen erläutern, was ich meine: Ich habe es mit Leuten zu tun, die sich nicht getrauen, über ihre Leiblichkeit zu reden die sogar schon die Vorstellung davon in sich unterdrücken, die in der Liebe zwar die Körperseite genießen, aber so tun, als gebe es nur die Geistseite die nicht gerade der Liebe entsagen wollen, aber jede Mitteilung darüber nur in verstümmelter Form zulassen. Man kann diesen Leuten, so Schleiermacher ironisch an, \"diesen tugendhaften Wunsch vergönnen\" . Würden wir ihn indessen zur allgemeinen Maxime machen, dann würde dies mindestens \"den Untergang mehrerer höchst Künste und Wissenschaften nach sich ziehen\"      . . Übrigens war Wilhelm Dilthey, dem wir sonst viel Wichtiges über Schleiermacher verdanken, in Hinsicht auf dieses Problem offenbar ein Opfer viktorianischer Prüderie. Ihm mißfiel dieser Essay; aber zu behaupten, daß er \"Schleiermachers nicht würdig ist\"    : Leben Schleiermachers, , 2. Aufl., 1922, 550 . Übrigens ist – ungewollt – diese Passage in Diltheys Buch ein Beleg für dessen hermeneutische Theorie: der Horizont der Textauslegung ist auch durch die historische Situation des Auslegers bestimmt. , verrät doch einige Beschränktheit des Urteilsvermögens: man kann die partiellen Rückschritte ahnen, die die gesellschaftliche Entwicklung zwischen 1800 und 1870 selbst bei Leuten wie Dilthey erzeugt hat, den offensichtlich nur das ausformulierte, reife \"Lebensideal\" Schleiermachers, nicht aber mehr das ursprüngliche \"Begehren\" nach sinnlicher, gleichwohl symbolisch repräsentierter Erfahrung . Das \"Lucinde\" -Kapitel Diltheys ist eine durch Prüderie deformierte Schleiermacher-Interpretation. \n  Ohne die Argumentation des Schamhaftigkeits-Essays genau zu rekonstruieren, weise ich hier nur auf deren Resultat hin: Der springende Punkt bei der Schamhaftigkeit sei, \"vermieden werden Wirkung auf die Stimmung und den Gemütszustand der Menschen\"   . Das ließe sich am besten an dem \"Triebe\" erläutern, \"dessen Allgewalt von den ältesten Zeiten an vergöttert ist\" : die zu vermeidende Wirkung sei, \"den eines … gewaltsamerweise zu unterbrechen\" , mithin ein \"ungebührlicher Eingriff in die Freiheit\" des anderen     . Ein solcher Eingriff liegt immer dann vor, wenn \"zur Unzeit\" , ohne daß der von der Mitteilung Betroffene sich dagegen wehren kann, sein \"leidenschaftliches Verlangen\" geweckt wird, wenn – und hier verwendet Schleiermacher fast schon eine verhaltenspsychologische Terminologie – er sich auf \"Reiz\" und Reaktion, also auf pure Körperlichkeit reduziert sieht. Er liegt aber auch dann vor, wenn \"Zustand des Genusses und der herrschenden Sinnlichkeit\" , der ja auch \"sein Heiliges\" habe, gewaltsam unterbrochen wird. \n  Die Empfindung der Scham, sowohl bei dem einen, der sie im Hinblick auf seine eigene Körperlichkeit empfindet, wie bei dem anderen, der sie im Hinblick auf seine auf den einen hat, bezieht sich also auf das Verhältnis zu sich selbst, auf die Körper-Geist-Einheit, die zu sein er beansprucht. Genau an diesem Punkt hat 100 Jahre später Georg Simmel den Gedanken fortgesetzt, vermutlich ohne den Text Schleiermachers zu kennen  : Schriften zur Soziologie, Frankfurt/M. 1983, 140 ff. . Die Fortsetzung liest sich fast wie eine Schleiermacher-Interpretation, nun allerdings mit Hilfe der inzwischen ausgebildeten Begriffe einer mikrosoziologischen Analyse: Simmel verknüpft die Theorie der Geselligkeit mit der Theorie der Schamhaftigkeit. \"Geist ist Geselligkeit\", das heißt in den Worten Simmels – der nun allerdings mit den anderen Worten auch das Problem anders bestimmt: \n  Wir sind also gleichsam zweierlei: ich selbst und die Repräsentanz der an mich gerichteten Erwartungen anderer. Scham entsteht bei der Verletzung des Gleichgewichts zwischen beiden, und zwar dann, wenn diese Verletzung dadurch geschieht, daß \"das selbständige, für sich verantwortliche Ich\" vor jener inneren \"parlamentarischen Repräsentation\" herabgesetzt wird. Aus der \"Geselligkeit\" bei Schleiermacher wird bei Simmel eine Institution, aus der Tugend eine soziale Norm. Eine Generation später (1939) präzisiert Elias den damit eingefädelten Gedanken der Geschichtlichkeit des Problems: Schamhaftigkeit sei ein Produkt des europäischen Zivilisationsprozesses    : Der Prozeß der Zivilisation, 2 Bde., 1939 ; davon besonders Bd. 2, 397 ff.  . Die Scham- und Peinlichkeitsgrenze sei ein Mittel der \"Affektmodellierung\", eine funktionale Notwendigkeit in Gesellschaften, in denen die Angst vor alltäglicher Bedrohung des eigenen Leibes von außen gemindert wird; denn diese Minderung habe Selbstkontrolle der Affekte zur Voraussetzung. Schamhaftigkeit wird nicht mehr moralisch diskutiert, sondern als Mechanismus. \n  Belehrt durch Simmel und Elias, wir nun noch einmal auf Schleiermacher zurückblicken: selbst involviert in den Zivilisationsprozeß, den Elias beschrieb, versucht er innezuhalten   Das Wort \"innehalten\" drückt selbst schon den Sachverhalt aus: im Unterschied beispielsweise zu \"anhalten\" bezeichnet es nicht nur eine Körperbewegung, sondern zugleich eine Bewegung des Gemüts. Es drückt aus, daß mit dem Anhalten einer Bewegung diese nach \"innen\" sich fortsetzt, als geistige Bewegung, als Reflexion auf das, was in der äußeren Bewegung geschah, und welche Gründe für das Anhalten geltend gemacht werden könnten. . Was geschieht denn eigentlich in jenem Prozeß, der das Innen vom Außen, den Geist vom Körper, die Zivilisation vom Trieb sondert? Was bedeutet die geschichtliche Entwicklung, was bedeuten Schleiermachers Beobachtungen in seiner zeitgenössischen Umgebung, in der nun nicht nur die \"englischen Frauen\" sich schon aus der Geselligkeit entfernen, \"wenn (nur) der Wein aufgesetzt wird\"    , sondern in der auch alle Regungen der Lust im kindlichen Körper mit zunehmendem Mißtrauen beobachtet werden, andererseits ein rationalistisches Verstandestraining in Schule und Elternhaus um sich greift und, damit gänzlich unverbunden, eine rein \"physische\" Form angeblicher Erziehung Verbreitung findet, das sogenannte \"Turnen\". Was geht da vor sich, fragte er sich, und wie weit ist das entfernt von dem, was in der griechischen Antike \"Gymnastik\" hieß? Wenn derartige Vorgänge \"Zivilisation\" genannt werden sollten, erreicht dann dieser Prozeß nicht vielleicht eine kritische Grenze? Zwischen der Schamlosigkeit der \"Mietlinge der Lust\"   Vgl. , der über Prostituierte sagt: \"Mit und in der Liebe tritt ihr ganzes Ich in die Beziehung zu dem Manne ein, während bei ihrer gewerbsmäßigen Hingabe nur ein einseitiger Teil desselben ins Spiel kommt, der sich zu dem Ganzen überhaupt nicht mehr in eine Beziehung setzt\" (.a.O., S. 143 )  ; und : \"Kalten Wüstlingen und gefühllosen sind selbst im Zustande der Leidenschaft die plumpsten Vorstellungen und Reflexionen über das , auf welches ihre Empfindungen und ihr sich bezieht, nicht unanstößig. Diese Dinge also sind den wirklich ein Gräuel\" , wo der Körper zu einer Sache oder Ware wird, und der Prüderie, die den Körper nicht wahrhaben mag, liegt das Problem, auf das im \"Prozeß der Zivilisation\" eine Antwort gefunden werden müßte. \n  Das ist eine romantische Suchbewegung: in der Sinnlichkeit, den körperlichen Funktionen das Spirituelle zu finden; in allem \"Intellektuellen\" die Körpergebundenheit ! Die Bilder Philipp Otto Runges, die Schleiermacher über seinen Freund Steffens kennenlernte, und Caspar David Friedrichs, mit dem er persönlich bekannt war, erscheinen mir wie die ästhetische Darstellung   Vgl. : Lebenserinnerungen, von F. Gundelfinger, Jena 1908, S. 248 ff. , und Schleiermachers Brief an seine Frau vom 9. 9. 1818.  \n  Sie hat, nach Meinung Schleiermachers, eine fundamentale pädagogische Bedeutung. Vergleiche ich den \"Versuch über die Schamhaftigkeit\" mit den späteren Vorlesungen über Pädagogik, dann entdecke ich hier den Mittelpunkt seiner Erziehungstheorie: \n  Das Schlüsselwort ist \"repräsentieren\". Schleiermachers Pädagogik ist, ganz mit seiner Hermeneutik übereinstimmend, semiologisch. Die Pädagogik, so lese ich zwischen den Zeilen seiner Texte, droht schamlos zu werden und war vielleicht immer schon in Gefahr, die schamloseste aller Praxen zu sein. Der direkte Zugriff auf den Körper des Kindes, sei es als dessen Zurichtung, sei es als dessen Stilisierung zu sogenannter \"authentischer\" Körpererfahrung, ist nicht weniger schamlos als der umgekehrte Fall: die Entfernung des Leibes aus den \"Lernprozessen\", den pädagogischen Prozeduren, den curricularen Konstruktionsbemühungen. \n  Das \"Innehalten\" Schleiermachers in der historischen Bewegung der Veränderung von Schamgrenzen markiert deshalb zugleich ein pädagogisch fundamentales Innehalten: Die Körper-Geist-Balance ist – jedenfalls in unserer Kultur, in der Mythen und Rituale nicht für einen selbstverständlichen Ausgleich sorgen – eine erste Herausforderung für jeden, der sich anmaßt, ein Kind zu erziehen und der die Risiken ernstlich ins Auge faßt, die damit gegeben sind. \n    Schluß \n  Was also meinte Schleiermacher, als er, zwei Jahre vor seinem Schamhaftigkeits-Essay, seiner Schwester schrieb, es sei \"die unnachläßlichste Pflicht eines jeden Menschen\", Kinder zu erziehen? Worauf richtete sich diese \"Pflicht\", und welches ist die Haltung, in der dieser Pflicht nachgekommen werden sollte? \n  Ganz zweifelsfrei darf man Schleiermacher so interpretieren, daß diese Haltung nicht in dem begründet werden darf, was eine gesellschaftlich-historische Konstellation von Problemstellungen gerade vorgibt. Aber ebenso zweifelsfrei schien es ihm, daß das Allgemeine nur in je historischen Besonderungen sich darstellen kann. Die große Ängstlichkeit, die zu seiner Zeit in Körperfragen – vergleicht man sie etwa mit der Großzügigkeit, in der Erasmus von Rotterdam 300 Jahre früher über derlei Dinge redete – herrschend geworden war, bedeutet ihm eine \"Gefahr …, besonders in diesen verderbten Zeiten\"     . Pädagogen könnten sich, so betont er immer wieder    Vgl. die Pädagogik-Vorlesungen von 1813/14 und 1826, a.a.O., S. 379 f. und 45 ff. Dazu auch : Erziehung im Gesellschaftssystem, Stuttgart 1979, S. 158 ff. und : Geschichte und Identität, Stuttgart 1979 . , von dieser Ängstlichkeit lösen, wenn sie sich ganz auf den einzelnen Lebensmoment des Kindes konzentrieren würden, wenn sie verstünden, dasjenige zu entfalten – in Beobachtung, Erfahrung und Argumentation was in dem scheinbar einzelnen Moment enthalten ist. Dieser Gedanke ist in den \"Monologen\" (1800) schon ganz ausgebildet – und nebenbei scheint mir, daß C. D. Friedrichs Bild \"Der Mönch am Meer\" (ca. 1808) die genaue bildliche Darstellung desjenigen Reflexionsproblems ist, das Schleiermacher in den \"Monologen\" beschreibt und aus dem er später den pädagogischen Folgegedanken entwickelte   Vgl. dazu, als vielleicht erfolgversprechende Spur, die Beschreibung dieses Bildes durch und den von verfaßten Dialog dazu. . \n  Aber das ist kein Lob der puren Gegenwart, denn jeder Lebensaugenblick eines Kindes ist immer auch Moment des \"geschichtlichen\"    Zitiert nach , a.a.O., 182 .  . Geist und Körper, beide haben ihre Vergangenheit und Zukunft, sofern sie in den pädagogischen Diskurs, in das Reden über Erziehung, eingebracht werden können. Aber Erziehung für die Zukunft ist ein höchst riskantes Unternehmen; den Optimismus der Aufklärungs-Pädagogen teilte Schleiermacher nicht. Wir können nicht zuverlässig wissen, so meinte er, welcher Fähigkeiten und Fertigkeiten es für die nächsten historischen Schritte bedarf. Der Scharlatanerie historischer Prognosen mochte er sich nicht anschließen    Vgl. dazu höchst ironische Rezension von J. G. Fichtes \"Grundlinien des gegenwärtigen Zeitalters\", in Dilthey/Jonas, a.a.O., Bd. 4, 624 ff. . Und berücksichtigt man überdies, was Wilhelm von Humboldt schrieb, nämlich daß es eine \"Hauptregel\" der Bildung anderer sei, \"die ihrer Individualität aufzusuchen und denselben mit strenger Anhänglichkeit getreu zu bleiben\" , und zwar deshalb, weil \"das einseitige Verlangen, alle Naturen Einer Richtschnur zu unterwerfen, nur zu allgemein verbreitet\" sei     : Werke in 5 Bänden, von A. Flitner und K. Giel, Bd. 1, Darmstadt 1960, 482 .  – berücksichtigt man also Einschätzung der historischen Lage, dann wird verständlich, warum Individualität, Eigentümlichkeit des einzelnen Menschen, jeder einzelne Moment im Leben des Kindes zu einer derart hervorgehobenen Problemstellung avancieren. Die Zukunft wird nicht als zuverlässig prognostizierbarer, vernunftgemäßer Verlauf der Geschichte gedacht, sondern nur noch als Möglichkeit. Für keine der menschlichen Praxen ist das eine größere Herausforderung als für die Pädagogik denn: der Erzieher kann gar nicht anders, als in jeder seiner Handlungen mit dem Kinde, da es sich ja noch mitten im kindlichen Werden befindet    Vgl. dazu , a.a.O., 171 ff. über die Prinzipien des \"Lebendigen\", das sich nur als \"Möglichkeit\" für unser Bewußtsein und Wissen konstituiert. , dessen Möglichkeiten, also dessen Zukunft zu antizipieren; aber kann er das können, ohne die Zukunft zu kennen? \n  Der scheinbare Widerspruch in der Tätigkeit des Erziehers könnte sich auflösen lassen, das ist Schleiermachers pädagogisches Fundamentalprojekt, wenn im hermeneutischen, nicht nur \"komparativen\", sondern auch \"divinatorischen\" Kontakt mit dem Kinde die Grundprinzipien seiner, auch republikanischen, Lebenszukunft sich auffinden ließen. Und das, so meint er, sei der einzelne Moment, in dem Körper und Geist, Vergangenheit und Zukunft als Möglichkeit, ernsthaftes Spiel und spielerische Vorwegnahme von Ernstsituationen, gegenwärtig sind. Diesen Moment verstehen, d. h. die Zeichen, die er enthält, lesen können, und in ihm als Moment eines zeitlich ausgebreiteten Bildungsprozesses des Kindes handeln können, ohne die Bedeutungen zu verletzen, die im Moment enthalten sind: das ist Pädagogik. Ein anspruchsvolles Projekt, das unserer \"Divination\", aber auch unserem Selbstbewußtsein, unserer hermeneutischen Sensibilität, aber auch unserer eigenen Lebensform einiges abverlangt. \"Schamlos\" ist eine Pädagogik, die auf diese Anstrengung verzichtet, die sich gleichgültig gibt gegenüber den Selbstauslegungen des kindlichen Leibes und den Leibhinweisen der Äußerungen des Geistes, der Rede. Vielleicht ist nun auch der pädagogische Sinn jener Sentenz im  Athenäumsfragment Nr. 351  besser verständlich, das zunächst gar nicht auf Kinder gemünzt war, sondern auf das Leben, das Erwachsene miteinander führen: \"Hast du je den ganzen Umfang eines andern mit seinen Unebenheiten berühren können, ohne ihm Schmerzen zu machen? Ihr braucht beide keinen weitern Beweis zu führen, daß ihr gebildete Menschen seid.\" \n     "